Fast drei Jahre mussten Fans in Deutschland warten – jetzt sind All Time Low zurück. In der restlos ausverkauften Tonhalle München wird schnell klar: Dieser Abend ist mehr als nur ein weiterer Tourstopp. Es ist ein Klassentreffen einer ganzen Szene. Zwischen bunten Haaren, Piercings und Röhrenjeans fühlt man sich in eine andere Zeit zurückversetzt – oder merkt, dass man selbst einfach nicht mehr ganz so regelmäßig auf Pop-Punk-Konzerten unterwegs ist. Die Stimmung ist von Anfang an besonders: locker, nahbar, gemeinschaftlich. Kein steifes Nebeneinander, sondern Bewegung, Nähe und dieses Gefühl von „Wir gehören hier alle hin“.
Taylor Acorn überrascht mit voller Wucht
Den Abend eröffnet Taylor Acorn – und wer sie vorher nicht auf dem Schirm hatte, dürfte spätestens nach den ersten Minuten eines Besseren belehrt sein. Gemeinsam mit ihrer Band legt sie ohne Umwege los: Sie fällt auf die Knie, der Gitarrist dreht sich ekstatisch, die Energie schwappt sofort ins Publikum über. Köpfe nicken, Hände gehen hoch, erste Fans sitzen am Ende ihres Sets bereits auf Schultern.
Die US-Amerikanerin, die sich mit kompromisslos ehrlichem Pop-Punk einen Namen gemacht hat, bedankt sich mehrfach fürs Zuhören und ruft mit einem breiten Grinsen: „Seid ihr bereit für Mayday Parade?“ Der Saal ist es.
Mayday Parade feiern 20 Jahre Emo-Gefühl
Mit Mayday Parade folgt eine Band, die seit zwei Jahrzehnten fester Bestandteil der Szene ist. Optisch zurückhaltend, musikalisch umso kraftvoller. Die Tonhalle singt von der ersten Minute an textsicher mit.
„Wir machen das hier seit über 20 Jahren – danke, dass ihr heute da seid“, sagt Frontmann Derek Sanders. „Es fühlt sich oft so an, als würde die Welt nur noch schlechte Nachrichten liefern. Lasst uns heute Abend daran erinnern, freundlich zueinander zu sein – egal welches Geschlecht, welche Identität oder welche Religion.“
Spätestens bei „Kids in Love“ springt der gesamte Saal. „Wir feiern heute Emo-Musik!“, ruft er, während seine Haare beim Headbangen durch die Luft fliegen. Die Mischung aus älteren Klassikern und neueren Songs funktioniert perfekt – und heizt die Stimmung weiter an.
All Time Low liefern das größte München-Konzert ihrer Karriere
Dann ist es soweit: Nach einem langen, dramatischen Intro betreten All Time Low die Bühne – und die Tonhalle explodiert. Schon bei den ersten Tönen ist klar, dass hier niemand nur beiläufig mitsingt. Als „Weightless“ erklingt, fühlt es sich an, als würde man kollektiv wieder 16 sein.
Frontmann Alex Gaskarth fragt, wer die Band schon einmal live gesehen hat – fast alle Hände gehen nach oben. Es ist ihre sechste Show in München, erzählen sie, und gleichzeitig ihre bisher größte Headline-Show hier. „Es ist verrückt, dass wir das nach 23 Jahren immer noch machen dürfen“, sagt Alex. „Danke, dass ihr hier seid. Erzählt euren Freunden von uns – lasst die Fanbase weiter wachsen.“
Hit reiht sich an Hit. Immer wieder erkundigt sich Alex, ob es allen gut geht. Anfangs sei er sich nicht ganz sicher gewesen, wie die Stimmung sei, „aber ihr habt euch gelockert – und jetzt fühlt es sich unglaublich an.“
Mit „Missing You“ wird es emotional. „Wenn es heute jemanden gibt, der hier sein sollte, denkt jetzt an diese Person.“ Spätestens bei „Remembering Sunday“, das lange nicht auf Tour gespielt wurde, singt auch die letzte Seele im Raum – so emotional, dass selbst gestandenen Männern Tränen in den Augen stehen. Als Überraschung kommt Taylor Acorn noch einmal auf die Bühne und bringt gemeinsamt mit der Band den Song zuende.
Nach einem kurzen Interlude kehrt die Band in neuen Outfits zurück. „Sleepwalking“ taucht die Halle in ein Lichtermeer, „Hate This Song“ bringt sie zum Kochen. „Monsters“, ihr erfolgreichster Song aus dem Album „Wake Up, Sunshine“, bildet den Abschluss vor der Zugabe – mit der klaren Ansage: „Singt so laut ihr könnt.“
Ein Finale, das alles bündelt
Zur Zugabe gesellt sich Mayday Parade für „The Weather“ dazu, gefolgt von „Lost in Stereo“. Brillen fliegen auf die Bühne, die Band lacht, bedankt sich mehrfach. Seit über einem Monat seien sie auf Tour, erzählen sie – und Crowds wie diese gäben ihnen die Kraft, weiterzumachen.
Dann kommt der Moment, auf den alle gewartet haben: „Dear Maria, Count Me In“. Die Tonhalle springt, schreit, singt jede einzelne Zeile mit. Als das Licht angeht, strömen die Fans heiser, verschwitzt und glücklich nach draußen.
Ein Abend, der zeigt, warum Pop-Punk nie wirklich verschwindet. Er wartet nur darauf, wieder laut aufgedreht zu werden.







