Eine kostenlose Show – mitten in der Woche, bei Regen und Bahnstreik. Und trotzdem ist das Orpheum in Nürnberg gut gefüllt. Die Location wirkt eher wie ein Restaurant mit Livemusik als wie ein klassischer Konzertsaal: Bar, Tische mit Stühlen, ein auf den ersten Blick gehobeneres Publikum. Auf der Bühne liegt eine Chipstüte. Ein Detail, das den Abend besser beschreibt, als man denkt – persönlich, nahbar, ein bisschen improvisiert.
Julian Pförtner probiert Neues – und gewinnt den Raum
Den Auftakt macht Julian Pförtner – zum ersten Mal in Nürnberg. Einer seiner ersten Songs ist „Downside Up“, seinem ersten Song nach seiner Zeit bei „The Voice of Germany“, einer Phase, die – wie er selbst sagt – nicht die einfachste war. Leise Töne, nur Gitarre, aber mit Druck und Gefühl.
Songs wie „Circles“, im Original groß produziert, funktionieren auch akustisch. Sitzkonzerte seien immer so still, sagt er, „da hört man ’ne Stecknadel fallen“. Genau diese Ruhe nutzt er, um Neues auszuprobieren. Einen Song, den er in Wiesbaden geschrieben hat – über die Begegnung mit einem sehr offensiven Mädchen. „Devil in Your Eyes“. „Machen wir den aufs Album? Dann haben wir nen Deal! Ich bring ihn raus und ihr hört ihn euch an.“ Das Publikum lacht – und klatscht.
Julian ist locker, macht Witze, motiviert zum Mitsingen. Er erzählt von seiner langjährigen Beziehung und einem Song, den er letztes Jahr für seine Freundin geschrieben hat. Ein „Geheimnis“, das außer Berlin noch niemand kennt: Der Song wird die nächste Single. Spätestens da ist das Eis gebrochen. Zum Abschluss spielt er den Titelsong seines Debütalbums „Dreaming Wide Awake“ – ein Song über den Traum, Musiker zu sein. Und man glaubt ihm jedes Wort.
Nick Howard: „Diese Show ist ein Geschenk“
Radiointro. Die Band kommt auf die Bühne. Dann Nick Howard. „Second Chance“ eröffnet den Abend, gefolgt von einem herzlichen „Wie geht es euch, Nürnberg?“ – charmant, mit leicht gebrochenem Deutsch. Seine letzte Show hier sei 2013 gewesen. Seine Band komme aus aller Welt: aus Schottland, Tennessee und Deutschland. „Ich bin unglaublich dankbar, dass ich das seit 15 Jahren machen darf – und dass ich es immer noch machen kann.“
Er schaut sich im Raum um und lächelt: „Was für ein wunderschöner Ort. Danke, dass ihr auf meine Mail geantwortet habt und wir in diesem tollen Raum spielen dürfen.“ Es ist eine besondere Show – kostenlos, mitten in der Tour. „Wir wussten ehrlich gesagt nicht, ob überhaupt jemand kommt. Also haben wir vorsichtshalber Wein mit auf die Bühne gestellt. Nur für den Fall.“ Jetzt sind alle da. Und der Wein auch.
Nick erzählt von seinem neuen Album – sein „Baby“, weil es endlich auf Vinyl erschienen ist. Ein Traum, den er sich unbedingt erfüllen wollte. „Diese Show ist ein Geschenk von mir an euch. Und wenn ihr mir etwas zurückgeben wollt, kommt gerne nachher zum Merch-Stand und holt euch eine Platte.“ Charmant, direkt – aber ohne Druck.
Es folgt ein Cover von „Yesterday“ von The Beatles – reduziert und respektvoll interpretiert. Danach eine Reihe von Lovesongs, darunter „No Ordinary Angel“ und ein Mash-up mit „I’m With You“ von Avril Lavigne. Diese kleinen Aha-Momente sind seine Spezialität, wie es an diesem Abend scheint: bekannte Hits in eigene Songs einbauen, überraschend, aber immer stimmig.
Mit „(Still) Falling For You“, seiner ersten Single von vor 16 Jahren, wird es besonders. Erst ganz allein, fast a cappella, nur mit Gitarre. „Diesen Song habe ich neu aufgenommen – er erscheint am Freitag“, erzählt er. Nach dem ersten Refrain kommt die Band zurück, und der Song wächst zu einer wunderschönen, vollen Version. Später holt er Julian noch einmal auf die Bühne für eine Duettversion von „Unstoppable“. Zwei Stimmen, ein ehrlicher Moment.
Später wird es überraschend: eine kleine Karaoke-Runde mit Songs von den Backstreet Boys, Lady Gaga, Oasis, The Script, Beyoncé und mehr. Das Publikum singt laut und euphorisch mit. Dann wechselt Nick ans Piano. „Unbreakable“ folgt, und wieder erzählt er eine Geschichte dazu. Über 1.000 Shows habe er gespielt, über 30 Millionen Streams gesammelt, bei The Voice of Germany gewonnen – „aber am Ende geht es mir immer nur darum, in diese manchmal negative Welt etwas Positives zu bringen.“
Die Zugaberufe kommen früh – natürlich kommt er zurück. Noch ein paar Songs mit der Band, Soli für alle Musiker, ein gemeinsames Abschiedsfoto. Vor dem letzten Song, „I Don’t Need You“, bedankt er sich noch einmal bei allen, „die trotz Mittwoch, Regen und Streik hierhergekommen sind“, bei seiner Crew und seiner Band.
Zum Finale stehen selbst die Gäste an den Tischen auf. Applaus, Verbeugung – und dann löst sich der Abend fast so schnell auf, wie er begonnen hat.
Was bleibt, ist dieses Gefühl von Wohnzimmerkonzert mit Weltkarriere. Ein Künstler, der große Bühnen kennt – und trotzdem dankbar ist für einen Raum mit Bar, Tischen und einem Glas Wein auf der Bühne. Und ein Mittwochabend in Nürnberg, der sich plötzlich ziemlich besonders anfühlt.







